Marlena: Habe ich dir von dem Typ aus den USA
erzählt, den ich in Kerala getroffen habe?
Luise: Nee, haste nicht.
Marlena: Pass auf, ich war in Trivandrum am
Bahnhof und habe auf meinen Zug gewartet.
Da hab ich einen Weißen gesehen. Cooler Typ mit
richtig langen Dreadlocks.
Als sich herausstellte, dass James aus den USA
kommt, haben wir uns über die Amerikaner, politische Sachen und so unterhalten.
Er meinte, dass es ihm richtig unangenehm sei, zu sagen, dass er Amerikaner
ist, da er sich Europäern, vor allem Deutschen gegenüber, oft rechtfertigen
müsse, obwohl er gegen viele politische Entscheidungen ist und sich sehr stark
von der Denkweise und dem Verhalten vieler Amerikaner distanziert.
Immer wieder hat er das Gefühl persönlich mit
dafür verantwortlich gemacht zu werden.
Luise: Auch wenn er als Einzelperson nichts für
das kann, was in Amerika so passiert, ist er im Ausland bei jeder Begegnung
erst mal der „Ami“. Bei uns ist es aber doch auch so, dass über Amerika in Diskussionen immer mal wieder
negative Bemerkungen fallen. Trotzdem ist es ungerecht, wenn einzelne das zu
spüren bekommen.
Marlena: Ich finde es heftig, dass er durch
Kritik an seinem Land auch Kritik an sich als Person bekommt und sich in einer
Unterhaltung als erstes immer verteidigen muss.
Dass ist doch echt anstrengend, wenn man
aufgrund von Kategorisierungen anderer Leute als erstes aus einer Schublade
herausklettern muss, in die man von irgendwem, der einen noch gar nicht kennt,
gesteckt wurde.
Luise: Ja, dass kennen wir doch mittlerweile
auch gut genug.
So oft wie wir schon angefasst, bedrängt oder
blöd von der Seite von Männern angelabert wurden, weil wir als weiße Frauen für
den sexuell aufgeschlossen Westen stehen. Da zählt auch als erstes nur die
Hautfarbe, weil sie Aufschluss über die Herkunft gibt.
Marlena: Der Unterschied ist jedoch, dass wir
im Gegensatz zu James gar nicht die Möglichkeit haben, das Bild der weißen
Frau, die für alle Männer zu haben ist, zu revidieren.
Vor einigen Wochen zum Beispiel, wo uns im
Dunkeln ein Inder auf dem Mofa gefolgt ist, um uns im vorbeifahren anzufassen,
hatten wir doch gar keine Chance, groß zu reagieren und dieses Bild richtig zu
stellen. Ich glaube ein großes Problem sind die Filme, in denen immer die
weißen Frauen leicht bekleidet vor der Kamera tanzen...
Luise: Ja oder die Pornos, die sich die Männer
immer im Internetcafé ansehen. Da spielen ja auch nur Weiße mit. Ein Deutscher,
den ich mal getroffen habe, hat mir erzählt, dass er mit einem Inder gesprochen
habe, der dachte, im Westen sei Sex umsonst und man kann einfach zu jeder
gehen. Der hat echt geglaubt, nur in
Indien müsse man für Prostituierte bezahlen.
Marlena: Ey, wie krass ist das denn!!!
Luise:
Schon gut so, dass wir beide versuchen, uns in
der Öffentlichkeit an den indischen Frauen zu orientieren, also uns zu
bedecken, Augenkontakt und Gespräche mit Männern zu vermeiden und so.
Marlena: Blöderweise gibt es ja aber überall
Frauen, die dieses Klischee bedienen und in extrem kurzen sehr engen Kleidern
im traditionellen Indien unterwegs sind, die allgemeine Aufmerksamkeit der
Männer genießen und sich immer wieder mit ihnen fotografieren lassen.
Erinnerst du dich an die zwei Frauen in Agra?
Die Highheels und Miniröcke an hatten?
Luise: Genau solche Frauen machen uns doch den
Alltag in Indien schwer. Mich nervt es, dass wir unsere Freiheit hier so enorm
einschränken müssen, um gegen diese Vorurteile anzugehen. Wie gerne würde ich
mal außerhalb von Pondicherry kurze Sachen tragen... bei 40°C Grad...
Marlena: Oder auf langen Busfahrten nicht zu
stehen und mich einfach neben einen Mann zu setzen. Ich vermisse es, mit
offenem Blick durch die Straßen zu laufen.
Wie wir immer auf den Boden gucken und
versuchen, nicht zu lachen, um nicht die Aufmerksamkeit der Männer auf uns zu
ziehen und blöde Anmachen zu vermeiden.
Luise:
Aber uns sagen immer wieder Leute, dass das nur daran liegt, dass wir
hier als Exoten für die Inder interessant aussehen, oder auch daran, dass weiße
Haut dem indischen Schönheitsideal entspricht.
Das mag zum Teil auch stimmen, aber ich finde,
dass ein Teil der Aufmerksamkeit auf einer eindeutigen sexuellen Ebene
stattfindet.
Marlena: Die Frage ist, bis wohin wir tolerant
sein können. Wie können wir Unterscheiden, ob ein Inder einfach nur aus
freundlichem Interesse mit uns sprechen möchte oder versucht, uns anzumachen.
Da haben es männliche Touristen einfacher, obwohl auch an ihnen
selbstverständlich manchmal zu großes, aufdringliches Interesse gezeigt wird.
Luise: Du hast Recht, vor allem was das
Unterscheiden angeht. Ich habe mich schon oft geschämt, weil ich gegenüber
Indern, die mir einfach auf der Straße weiter helfen wollten, unfreundlich und
abweisend war. Nachdem ich einmal zwei Inder abwimmeln wollte, kam ich dann
doch noch mit ihnen ins Gespräch und würde sie mittlerweile als Freunde
bezeichnen.
Marlena: Das ist doch eine Form von Rassismus.
Ich meide Inder und versuche auf Reisen vor allem mit Westlern in Kontakt zu
treten, weil es mir so schwer fällt, die Absicht einer Kontaktaufnahme durch
Inder einzuschätzen.
Man sollte meinen, dass wir beide, die jetzt
schon so lange in Indien sind, toleranter, offener und weniger
vorurteilsbelastet geworden sind. Manchmal denke ich, dass das Gegenteil der
Fall ist.
Luise: Ja, leider, ich ärgere mich über mich
selber, dass ich den meißten Indischen Männern gegenüber eine grundsätzlich
abwehrende Einstellung angenommen habe und wir fast nur zu Europäern Kontakt haben,
welche in diesem Land ebenso Gäste sind wie wir.
Und obwohl ich das ja erkannt habe und auch
total verabscheue, fällt es mir extrem schwer, dieses Verhaltensmuster wieder
abzustreifen.
Marlena:Vielleicht ist es eine Art
Selbstschutzmechanismus für uns als Frauen, der sich aufgrund negativer
Erfahrungen eingestellt hat.
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