Monday, 19 December 2011

Die Kinder des Monsieur Mathieu




















In den letzten Wochen haben Luise und Ich uns intensiver mit der Vorbereitung unserer Weihnachtsfeier beschäftigt, die gestern abend stattgefunden hat. Eigentlich haben wir schon vor langer Zeit begonnen Weihnachtslieder mit ein paar Kindern einzuüben. Diese Musikstunden, hat Luise  immer ziemlich gut mit der Geige begleitet. Wie sich schon zu Beginn dieser Stunden herausstellte, haben die meisten Kinder kein Gespür für die eigene Stimme, da sie es gewohnt sind während der kleinen immer gleich ablaufenden Andacht, im Chor  wild durcheinander zu singen.
In der Schule gibt es keinen Musikunterricht. So mussten wir ganz von vorne anfangen. Wir begannen mit Atemübungen und erklärten den Kindern den Unterschied zwischen singen und schreien. Anfangs war es schon ein Erfolg als wir ihren Stimmen nur ein paar richtige Töne entlocken konnten. Mit der Zeit wurde der Gesang ein wenig besser. Die nächste große Herausforderung war, dass die meissten Kinder kaum englisch konnten. Wir haben ihnen die Bedeutung der Lieder erklärt, Aussprachübungen gemacht und geübt an welcher Stelle sie welches Wort wie betonen, wann Pausen machen müssten. Den Blinden mussten wir die einzelnen Wörter sogar buchstabieren, da sie ja nicht mit Hilfe eines Liederzettels lernen konnten.
Mich haben diese Übungen immer an den Film die Kinder des Monsieur Mathieu erinnert. Nur das Endergebnis entsprach dann leider doch nicht ganz dem des Filmes.
Leider hatten wir nur wenig Zeit zum üben und waren einige Male in den letzten Wochen ziemlich frustriert, da sich weder die Kinder noch unser Boss an absprachen hielten. Nie waren alle Kinder bei den Proben dabei. Ähnlich war es als wir versuchten, ein kleines Krippenspiel auf die Beine zu stellen. Einige Kinder waren spontan in die Stadt gefahren, der Stern hatte kurz vor der Aufführung Fieber bekommen und keiner hatte uns informiert.
Das Krippenspiel war auf englisch. Luise hat es selbst geschrieben und vorgelesen. Die Kinder haben den Text einfach gelegentlich in Gebärdensprache übersetzt. So konnten wir auch taube Kinder in unser Krippenspiel integrieren.
Am Anfang war es auch nicht so einfach den Kindern zu erklären, wie man eine Tür aufmacht, die nicht vorhanden ist. Das Scharf hat nie verstanden, dass es aufpassen muss nicht auf Jesus zu treten. Da wir komplett auf Bühnenbild und Requisite verzichtet haben, gab es auch keine Babypuppe und die Kinder mussten sich vorstellen, dass er trotzdem da war.
Auf den Bildern sieht man einige Übungen, die ich mit den Kindern gemacht habe um sich besser auf ihre Rollen vorzubereiten. Alles in Allem war es ein tolles, anderes Krippenspiel. Auch wenn sich unser Boss nicht ein Mal ernsthaft dafür bedankt hat, dass wir 10 Stunden lang damit verbracht haben, Dekoration für den Saal zu basteln, oder das Krippenspiel und die Lieder zu übernehmen, weiss ich, dass er doch beeindruckt war, dass wir es überhaupt geschafft haben, etwas auf die Beine zu stellen.
In einer Stunde schon brechen wir auf nach Kerala, wo wir die Weihnachtstage verbringen werden. Wenn wir nach Silvester wieder kommen, arbeiten wir in Trichy in einer englischen Schule. Ich habe aber auch die Möglichkeit in die Nachbarsschule zu gehen un ein bis zwei Tage die Woche mit   tauben Kindern zu arbeiten. Das freut mich sehr.
Ich wünsche euch allen gesegnete Weihnachtstage und einen guten Rutsch

Sunday, 4 December 2011

In Deutschland endet die Liebe mit der Hochzeit,in Indien beginnt sie erst


Mein letzter Blogeintrag ist schon eine Weile her. Das mag daran liegen, dass in der Zwischenzeit für mich nicht wirklich etwas besonderes passiert ist oder dass viele Sachen die ich alltäglich sehe für mich normal geworden sind. Vorallem weiß ich nicht wo ich anfangen  soll um euch dieses verrückte Land näher zu bringen. Ich habe mich an das scharfe Essen gewöhnt. Auch aber an das chaotische Treiben auf den Straßen,die überfüllten Busse,die vermüllten Straßen und die vielen Bettler. Das ist ein Punkt über den ich noch garnicht berichtet habe.Armut. In Indien leben meinen Recherchen nach 40% der Menschen unter der Armutsgrenze und haben damit weniger als einen Euro am Tag zur Verfügung. Ich sehe viele verstümmelte Menschen auf der Straße.Einige haben auch offene Wunden oder sehr schlechte Zähne weil ihnen das Geld für eine vernünftige Gesundheitsversorgung fehlt.
Ich habe vor einiger Zeit mit meiner Chefin über das Armutsproblem gesprochen. Sie sagte, dass vor allem in den Dörfern, also auch in meiner unmittelbaren Umgebung, die Männer zum Arbeiten auf die Felder gehen. Sie verdienen dort ca. 100 Rupies (1,50€).Viele von ihnen sind deprimiert und kaufen sich nach der Arbeit für die Hälfte ihres Einkommens Alkohol, für die Familie bleibt nur noch die Hälfte zum Leben. Meine Chefin meinte auch, dass viele Frauen unter dieser Situation leiden. Sie sehen es aber als normal an, da Alkoholismus in Indien keine Ausnahme mehr ist und viele Männer trinken. Den Frauen bleibt oft nichts anderes übrig als mit ihren Männern zusammenzubleiben 
Es ist hier nicht so einfach sich zu trennen, da alleinstehende Menschen ab einem bestimmten Alter in der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert werden.
Vor kurzem hatten wir ein Zwischenseminar in Tranquebar, wo wir 16 andere Freiwillige trafen, die in Tamil Nadu und Kanataka arbeiten. Unsere Mentorin hatte ein Treffen mit Collegestudenten arrangiert. Wir trafen dort den Schulleiter, einige Professoren und Studenten in unserer Altersklasse. Wir diskutierten über die unterschiedlichsten Themen wie arrangierte Ehen, Rollenverteilungen und den Sinn des Lebens. Ein Junger Mann sagte, dass für ihn der Sinn des Lebens darin bestehe eine Familie zu haben. Und wenn man keine Familie hätte, wäre das Leben sinnlos. Unsere Mentorin erwiderte, dass sie alleinstehend sei und sich keineswegs „useless“ vorkäme. Dieses konservative, traditionelle Bild ist sehr stark auch in den Köpfen der jüngeren Generation verankert. Eine Familie zu haben und Kinder ( vorallem Söhne) zu bekommen hat immer noch einen hohen Stellenwert. Problematisch wird es wenn es aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nicht möglich ist, die Töchter zu verheiraten oder Paare keine Kinder bekommen können. In diesem Fall wird meistens die Frau dafür verantwortlich gemacht.
Über 90 % der Ehen sind arrangiert. Die Eltern suchen die Partner für ihre Kinder aus. Es gibt aber auch richtige Heiratsvermittler.Nach der Hochzeit wird die Braut an die Familie des Bräutigams weitergegeben. 
Da die Familie der Braut eine sehr hohe Mitgift zahlen muss könnte man fast sagen, dass die Familie der Braut für ihre Tochter eine neue Familie kauft. Eine Inderin sagte zu mir, dass die Braut mit der Hochzeit  ihre Familie verliert. Im Haus ihrer alten Familie ist sie nur noch Gast.
Ich finde den Gedanken immer noch erschreckend, dass Frauen mit der Hochzeit unter der Gewalt eines Mannes stehen, mit denen viele von ihnen vor der Hochzeit kaum gesprochen haben. Einige Inder sagen immer, dass wir Deutschen auch nicht von der großen Liebe sprechen können, da jede zweite oder dritte Ehe geschieden wird.Da mögen sie wohl Recht haben, wir haben allerdings immer das Recht frei zu entscheiden und müssen nicht ein Leben lang mit einem Menschen verbringen der uns schlecht behandelt oder den wir nicht lieben.
Trotz all der Schwierigkeiten die ich hier für Frauen sehen möchte ich nicht,dass die Männer in diesem Blogeintrag zu kurz kommen. Auch sie werden häufig mit Frauen verheiratet mit denen sie auf Dauer nicht glücklich sind und auch sie haben wenig Möglichkeiten dieser Ehe zu entfliehen. Ich denke, dass  generell  der Mann im Haus das Sagen hat  und  seine Frau schlecht behandeln kann ohne dass sie ihr Wort gegen ihn erhebt. Einmal waren Luise, Jonathan und Ich bei unserem Nachbar eingeladen. Seine Frau hat uns mit Getränken versorgt und hat sich danach hinter ihren Mann in eine Ecke des Raumes an den Tisch gesetzt und ihrem Mann zugesehen, wie er sich mit uns unterhalten hat. Frauen werden so erzogen, dass sie ihren Männern und ihren Vätern gehorchen.
Dieser Gehorsam ist mir auch schon im Schulsystem aufgefallen. Die Kinder lernen nicht sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Sie lernen Gedichte und Englischvokabeln auswendig, können aber kaum einen korrekten englischen Satz mit uns wechseln. Wenn man in einer Bastelgruppe mit den Kinder malen möchte, malen alle voneinander ab oder fragen uns als Respektsperson welche Farben sie benutzen sollen. In der Schule gibt es viel Frontalunterricht und die Kinder sind es gewohnt im Chor zu antworten. In Gruppen fühlen sich viele von ihnen wohler, wahrscheinlich weil Indien eine große, große Gruppe ist und das Individuum nicht so eine hohe Bedeutung hat wie das Kollektiv.
Dieses Verhalten ist mir auch in der Diskussionsrunde mit den Collegestudenten aufgefallen. Die deutsche Gruppe hat sehr viel zu der Diskussion beigetragen. Einige Professoren haben sich auch angeregt mit uns unterhalten. Die Studenten, um die es ja eigentlich ging, waren sehr schüchtern und haben sich kaum getraut an dem Gespräch teilzunehmen. Dies lag wahrscheinlich an der Anwesenheit ihrer Professoren.
Ach ja, diese ganzen kulturellen Unterschiede die ich mir so gewünscht habe, können manchmal ganz schön belastend sein. Unlücklich verheiratete Menschen und Hungernde,Kranke am Straßenrand. Schon seltsam, dass man sich an Elend so gewöhnen kann.
Jetzt fahre ich nach einem schönen Wochenende in Trichy wieder zurück aufs Dorf. Dort sind die Weihnchtsvorbereitungen im vollen Gange, von denen ich in den kommenden Wochen noch ein Mal berichten werde.

Lasst es euch gut gehen und euch nicht zu doll stressen von den ganzen Weihnachtsvorbereitungen