Luise und ich sind nach einem kleinen Abstecher nach Kerala im Nachtzug nach Chennai gefahren, um Konni und Hannah vom Flughafen abzuholen, an dem wir vor ca. 6 Monaten ebenfalls angekommen sind.“Es riecht anders“ und “man seid ihr braun geworden“,
waren die ersten Dinge, die den beiden aufgefallen sind. In den kommenden Tagen in Pondicherry, Tanjavur und Trichy folgten weitere.
So ist mir aufgefallen, wie viel Luise und ich schon kennen und über das Leben in Indien erzählen können. Es gibt aber auch viele viele Sachen die ich nicht erklären konnte. Vor allem Fragen über den Hinduismus. Die unterschiedlichen Bedeutungen von Festen und Ritualen sind mir immer noch fremd, da ich hauptsächlich mit Christen zu tun habe.
Nach der ersten Nacht in Chennai sind wir erst mal nach Pondicherry gefahren. Uns erschien es ein guter Ort um erst Mal in Indien anzukommen. Dort haben wir
Zeit mit unseren Freunden und Bekannten verbracht, sind mit dem Moped zum Strand gefahren und in unsere geliebte Pizzeria in Auroville.
Dieses Mal waren wir endlich zusammen im Matrimandir, dem Meditationszentrum und Herzen Aurovilles. Es ist wohl eines der beeindruckendsten Gebäude, die ich je gesehen habe.Den kompletten Aufbau des Gebäudes zu beschreiben würde Stunden dauern, deswegen habe ich Bilder aus dem Internet herausgesucht.
Es hat sich auf jeden Fall gelohnt das Matrimandir anzusehen. Ich finde es allerdings ein bisschen übertrieben dieses eine Gebäude wie eine heilige Städte zu betrachten, als wäre es ein magischer Ort. Es darf nicht fotografiert werden, Besucher dürfen sich nur 15 Minuten im Matrimandir aufhalten. Jeder der es besuchen möchte, muss zwei Filme über die Entstehung ansehen...
Außerdem muss es unglaublich viel Geld gekostet haben, dieses riesige Gebäude zu bauen. Ob es wirklich notwendig ist, die Kuppel mit goldenen, einzeln zusammengesetzten Platten zu veredeln, wo ein paar Kilometer weiter immer noch viele viele Tamilen auf der Straße leben und nicht genug Geld für Kleider und Nahrung haben. Aber da kommt dann die Frage auf, ob die Distanz zwischen Auroville und Pondicherry bei dieser Betrachtung überhaupt eine Rolle spielt. In Deutschland werden schließlich auch Millionen in Bauprojekte investiert, die eigentlich keinen anderen Nutzen haben als schön auszusehen. Wäre die Schlussfolgerung , dass Kunst oder Dinge die einfach nur schön aussehen aber keine überlebenswichtige Bedeutung für die Menschheit haben und Geld kosten nicht existieren dürften, solange es Hunger in der Welt gibt?
Und so schnell drehen sich die Gespräche und Gedanken immer wieder um Ungerechtigkeiten, finanzielle und kulturelle Unterschiede.
Aber zurück zum Matrimandir:
Nach dem Tod der Mutter (der Gründerin von Auroville) haben die Aurovillianer versucht, alles so zu bauen, wie es sich die Mutter gewünscht hatte. Das Matrimandir soll eigentlich unabhängig von Religionen ein Meditationszentrum für Menschen mit den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen sein. So frage ich mich ob es der Mutter wohl gefallen würde oder gefallen hat, dass sie selbst fast wie ein Gott behandelt wird und ihr Bild in jedem Gebäude von Auroville hängt, mit Blumen geschmückt und verehrt.
So könnte Esoterik als eine Art Ersatzreligion angesehen werden.


Trotzdem, ich würde nicht immer wieder zurück nach Auroville kommen, wenn mich der alternative Lebensstil dort nicht auch begeistern würde
Ich schwanke also nach wie vor zwischen Sympathie und Abscheu vor dem Ort Auroville.
Jetzt berichte ich euch aber wieder was über das „echte“ Indien. Hannah und ich denken nämlich beide, dass Pondicherry und Auroville so sind, wie man sich Indien vorstellt.
Ich habe den Eindruck, dass Probleme und Schwierigkeiten die man im Ausland hat, bei den Blogeinträgen oder den Erzählungen von Rückkehrern zu kurz kommen. Deswegen möchte ich auch nicht die schwierigeren Momente verschweigen.
Trotz dem mangelnden Kontakt zu den Hostelkindern im Dorf hat es ihnen trotzdem etwas genutzt, dass wir da waren. Ich habe bemerkt, dass ihr englisch deutlich schlechter ist als zu der Zeit, in dir wir täglich mit ihnen gesprochen haben. Viele Kinder haben sich an unser Krippenspiel und unsere Gesangsstunden erinnert und die Weihnachtsdeko hängt immer noch.
Nachdem wir das Dorf und die Schule in Trichy besichtigt haben, mussten Hannah und ich Konni, Luises Bruder Jojo und ihr Cousin Johnny, die für einige Tage nach Indien gekommen sind und uns in Trichy besucht haben, verabschieden.
Hannah und ich sind noch für ein paar Tage nach Kovalam gefahren. So konnte Hannah noch ein Mal das Strandleben genießen und sich bei meinem Lieblingsschneider ein Kleid schneidern lassen.
Danach sind wir wieder zurück nach Trichy.
Jetzt berichte ich euch noch von meinem Alltag. Mit unserer Chefin haben Luise und ich uns einen neuen Stundenplan erstellt. Ich habe angefangen, Kindern die im Unterricht nicht mitkommen oder lernbehindert sind Nachhilfe zu geben.
Sitzen bleiben kann man nicht. Das führt dazu, dass viele einzelne Kinder auf der Strecke bleiben. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ein Kind in der dritten Klasse nicht buchstarbieren kann, während der Rest der Klasse ganze Geschichten liest. Ich habe mir von einem meiner Nachhilfeschüler ein Heft angesehen und ihn gefragt, wer denn all die Hausaufgaben geschrieben hat, da dieser Junge nicht lesen und buchstabieren kann. Er hat nur „Akka“ geantwortet. Das bedeutet so viel wie Schwester.
Ich unterrichte auch eine dritte Klasse. Ich lese ihnen eine Geschichte vor, lasse sie malen was sie verstanden haben und am Ende einzelne Sätze von den Kindern vorlesen.
Am liebsten unterrichte ich die fünfte Klasse. Es ist eine ziemlich gemischte Truppe mit Kindern mit unterschiedlichen Lernniveaus und Lerngeschwindigkeiten. Zwei Kinder haben eine Lernschwäche. Es gibt auch einen Autisten. Am Anfang war es garnicht so einfach die Klasse zu bändigen. Der Autist musste sich erst daran gewöhnen, das ich jetzt gelegentlich unterrichte. Am Anfang ist er wild auf den Tischen herum gesprungen und heraus gerannt. Mittlerweile haben sich alle an mich gewöhnt, sind ein bisschen ruhiger und ziemlich interessiert. Ich unterrichte Erdkunde. Begonnen habe ich mit Unterschieden zwischen Indien und Deutschland. Ich habe Bilder aus Braunschweig gezeigt, Klassenzimmer und Schulkinder in Deutschland, den zugefrorenen Kreuzteich etc.
Ihr hättet die Gesichter sehen müssen,als ich ihnen das Bild einer Spaghetti Bolognese zeigte und erklärte, dass es sich bei der Soße um ein Gemisch aus Tomaten mit Kuhfleisch handle.
Kühe werden in Indien verehrt oder jedenfalls freundlich geduldet. Keines der Kinder konnte sich vorstellen, dass ein Stück Kuh zerhackt mit Nudeln gegessen wird.
Ich habe auch Fotos von dem Tempel in Trichy mitgebracht und Züge und Klamotten von Indien und Deutschland verglichen. Die Kinder fanden die Züge in Deutschland super cool und zwischendurch hatte ich sogar das Gefühl, dass sie Minderwertigkeitskomplexe wegen ihres Landes haben. Ich hab erklärt was ich an Indien super toll finde und am Ende sind wir eigentlich gemeinsam zu dem Entschluss gekommen, dass beide Länder ihre Vorzüge haben.
Ein ziemlich cleveres und interessierte Mädchen sagte zu mir, dass ich indisches Essen kenne, deren Kleidung trage und einiges über Indien weiß, weil ich hier bin. Sie war aber noch nie in Deutschland.
Darauf habe ich geantwortet, dass sie ja auch erst 10 ist und mit 10 Jahren eigentlich niemand eine so weite Reise macht. Aber wir alle wissen, dass dieses Mädchen mit größter Wahrscheinlichkeit niemals aus Indien herauskommt, wahrscheinlich nicht ein Mal die Hauptstadt in Indien sehen wird oder das Taj Mahal.
Ich habe auch noch Frankreich durchgenommen. Französische Spezialitäten, wo der Eiffelturm steht und so weiter.
Jede darauffolgende Stunde sollen die Schüler einen von mir erstellten Fragebogen beantworten. Die deutsche Flagge richtig ausmalen, die Hauptstadt benennen usw. Ich habe ihnen auch ein französisches und ein deutsches Lied vorgespielt.
Heute habe ich jedem Kind eine rote und eine grüne Karte gegeben. Dann habe ich Sätze vorgelesen. Tamil Nadu ist die Hauptstadt von Deutschland. Paris ist im Norden von Frankreich. Viele Leute in Frankreich sind Hindus...
Die Kinder sollten die grüne Karte hochhalten, wenn die Aussage richtig war und die rote, wenn sie falsch war.
Nächste Woche mache ich weiter mit Spanien.
Ich möchte noch eine große Weltkarte malen und jede Stunde kann ein Kind das Land anmalen über das wir sprechen und ein anderes die Hauptstadt eintragen. Wenn ich die weiteren Monate in Trichy diese Klasse drei mal die Woche unterrichten kann, haben wir am Ende eine bunte Weltkarte mit den unterschiedlichsten Ländern.
Jetzt habe ich viele unterschiedliche Themen angerissen und bin mir gar nicht so sicher, wen von euch das alles interessiert. Wenn ihr mehr über bestimmte Themen erfahren möchtet schreibt mir einfach eine Email und ich werde versuchen, sie in meinem nächsten Blogeintrag anzusprechen.