Ich habe vor einiger Zeit mit meiner Chefin über das Armutsproblem gesprochen. Sie sagte, dass vor allem in den Dörfern, also auch in meiner unmittelbaren Umgebung, die Männer zum Arbeiten auf die Felder gehen. Sie verdienen dort ca. 100 Rupies (1,50€).Viele von ihnen sind deprimiert und kaufen sich nach der Arbeit für die Hälfte ihres Einkommens Alkohol, für die Familie bleibt nur noch die Hälfte zum Leben. Meine Chefin meinte auch, dass viele Frauen unter dieser Situation leiden. Sie sehen es aber als normal an, da Alkoholismus in Indien keine Ausnahme mehr ist und viele Männer trinken. Den Frauen bleibt oft nichts anderes übrig als mit ihren Männern zusammenzubleiben
Es ist hier nicht so einfach sich zu trennen, da alleinstehende Menschen ab einem bestimmten Alter in der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert werden.
Vor kurzem hatten wir ein Zwischenseminar in Tranquebar, wo wir 16 andere Freiwillige trafen, die in Tamil Nadu und Kanataka arbeiten. Unsere Mentorin hatte ein Treffen mit Collegestudenten arrangiert. Wir trafen dort den Schulleiter, einige Professoren und Studenten in unserer Altersklasse. Wir diskutierten über die unterschiedlichsten Themen wie arrangierte Ehen, Rollenverteilungen und den Sinn des Lebens. Ein Junger Mann sagte, dass für ihn der Sinn des Lebens darin bestehe eine Familie zu haben. Und wenn man keine Familie hätte, wäre das Leben sinnlos. Unsere Mentorin erwiderte, dass sie alleinstehend sei und sich keineswegs „useless“ vorkäme. Dieses konservative, traditionelle Bild ist sehr stark auch in den Köpfen der jüngeren Generation verankert. Eine Familie zu haben und Kinder ( vorallem Söhne) zu bekommen hat immer noch einen hohen Stellenwert. Problematisch wird es wenn es aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nicht möglich ist, die Töchter zu verheiraten oder Paare keine Kinder bekommen können. In diesem Fall wird meistens die Frau dafür verantwortlich gemacht.
Über 90 % der Ehen sind arrangiert. Die Eltern suchen die Partner für ihre Kinder aus. Es gibt aber auch richtige Heiratsvermittler.Nach der Hochzeit wird die Braut an die Familie des Bräutigams weitergegeben.
Da die Familie der Braut eine sehr hohe Mitgift zahlen muss könnte man fast sagen, dass die Familie der Braut für ihre Tochter eine neue Familie kauft. Eine Inderin sagte zu mir, dass die Braut mit der Hochzeit ihre Familie verliert. Im Haus ihrer alten Familie ist sie nur noch Gast.
Da die Familie der Braut eine sehr hohe Mitgift zahlen muss könnte man fast sagen, dass die Familie der Braut für ihre Tochter eine neue Familie kauft. Eine Inderin sagte zu mir, dass die Braut mit der Hochzeit ihre Familie verliert. Im Haus ihrer alten Familie ist sie nur noch Gast.
Ich finde den Gedanken immer noch erschreckend, dass Frauen mit der Hochzeit unter der Gewalt eines Mannes stehen, mit denen viele von ihnen vor der Hochzeit kaum gesprochen haben. Einige Inder sagen immer, dass wir Deutschen auch nicht von der großen Liebe sprechen können, da jede zweite oder dritte Ehe geschieden wird.Da mögen sie wohl Recht haben, wir haben allerdings immer das Recht frei zu entscheiden und müssen nicht ein Leben lang mit einem Menschen verbringen der uns schlecht behandelt oder den wir nicht lieben.
Trotz all der Schwierigkeiten die ich hier für Frauen sehen möchte ich nicht,dass die Männer in diesem Blogeintrag zu kurz kommen. Auch sie werden häufig mit Frauen verheiratet mit denen sie auf Dauer nicht glücklich sind und auch sie haben wenig Möglichkeiten dieser Ehe zu entfliehen. Ich denke, dass generell der Mann im Haus das Sagen hat und seine Frau schlecht behandeln kann ohne dass sie ihr Wort gegen ihn erhebt. Einmal waren Luise, Jonathan und Ich bei unserem Nachbar eingeladen. Seine Frau hat uns mit Getränken versorgt und hat sich danach hinter ihren Mann in eine Ecke des Raumes an den Tisch gesetzt und ihrem Mann zugesehen, wie er sich mit uns unterhalten hat. Frauen werden so erzogen, dass sie ihren Männern und ihren Vätern gehorchen.
Dieser Gehorsam ist mir auch schon im Schulsystem aufgefallen. Die Kinder lernen nicht sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Sie lernen Gedichte und Englischvokabeln auswendig, können aber kaum einen korrekten englischen Satz mit uns wechseln. Wenn man in einer Bastelgruppe mit den Kinder malen möchte, malen alle voneinander ab oder fragen uns als Respektsperson welche Farben sie benutzen sollen. In der Schule gibt es viel Frontalunterricht und die Kinder sind es gewohnt im Chor zu antworten. In Gruppen fühlen sich viele von ihnen wohler, wahrscheinlich weil Indien eine große, große Gruppe ist und das Individuum nicht so eine hohe Bedeutung hat wie das Kollektiv.
Dieses Verhalten ist mir auch in der Diskussionsrunde mit den Collegestudenten aufgefallen. Die deutsche Gruppe hat sehr viel zu der Diskussion beigetragen. Einige Professoren haben sich auch angeregt mit uns unterhalten. Die Studenten, um die es ja eigentlich ging, waren sehr schüchtern und haben sich kaum getraut an dem Gespräch teilzunehmen. Dies lag wahrscheinlich an der Anwesenheit ihrer Professoren.
Ach ja, diese ganzen kulturellen Unterschiede die ich mir so gewünscht habe, können manchmal ganz schön belastend sein. Unlücklich verheiratete Menschen und Hungernde,Kranke am Straßenrand. Schon seltsam, dass man sich an Elend so gewöhnen kann.
Jetzt fahre ich nach einem schönen Wochenende in Trichy wieder zurück aufs Dorf. Dort sind die Weihnchtsvorbereitungen im vollen Gange, von denen ich in den kommenden Wochen noch ein Mal berichten werde.
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