Ich habe die Flaggen aller Länder auf Papier
ausgemalt und sie in unserer Spielhalle auf dem Boden verteilt. Mexico, Spanien,
Indien, China, Frankreich, Holland, Deutschland...
Dann habe ich Sätze vorgelesen, mit Aussagen
die spezifisch für eines der Länder waren. Die Kinder sollten entscheiden, auf
welches Land die jeweilige Aussage zutrifft und zu der dazugehörigen Flagge
laufen. Es war ein ziemliches Durcheinander. Im Endeffekt ist aber einiges
hängen geblieben. Sie wissen, dass man in Deutschland deutsch spricht, dass der
Eifelturm in Paris steht und dass es in Holland viele Windmühlen gibt. Nach
diesem Spiel haben wir noch Stoptanz zu indischer Musik gespielt und ein paar
letzte Fotos gemacht. Die Kinder sind mir bis auf die Straße nachgelaufen und
haben gewunken. Es war ein sehr schöner Abschied.
Am Tag darauf bin ich früh morgens in den Zug
nach Hyderabad eingestiegen und bin damit meine
erste Reise alleine angetreten. Zuerst bin ich nach Chennai und von dort
aus habe ich den Nachtzug nach Hyderabad genommen.
Nach 13 Stunden Fahrt sind wir morgens in
Hyderabad angekommen. Ich habe mir erst Mal nach eine billige Unterkunft
gesucht. Danach wollte ich in die Innenstadt fahren aber die Autorikshafahrer
haben viel zu hohe Preise verlangt. Ein Ehepaar hat mich aus einem Auto
beobachtet, hatte Mitleid mit mir und fuhr mich dann im klimatisierten Auto
quer durch die Stadt ins Stadtzentrum. So bin ich dann einige Stunden über den
Markt geschlendert. Hyderabad ist
bekannt für Perlen und Bangels sowie Stoffborten, die man zum verzieren von
indischer Kleidung verwendet. Die Atmosphäre und das Treiben auf den Straßen
ist ganz anders als bei uns in Tamil Nadu. Es gibt viel mehr Muslims und
verschleierte Frauen auf den Straßen. Die Markthändler preisen ihre Ware lauter
und aufdringlicher an als ich es gewohnt bin, fast so wie in Marokko.
Ich war die einzige Touristin und nach einiger
Zeit etwas genervt von den Zungenschnalzen der Markthändler und dem „Please
Madame, come to my shop“. So bin ich wieder zurück in mein Hostel. Nachts
klopfte dann die Polizei an die Tür, durchwühlte meine Kleidung und wollte
wissen, ob ich in Hyderabad Leute kenne und einfach nachsehen, ob es sich bei
dem billigen Hotel nicht um ein
unangemeldetes Bordell handelt. Ich habe von gelgentlichen Polizeikontrollen in
Hostels gehört aber fühlte mich nach dem Verhör doch etwas unwohl und alleine,
in diesem dreckigen Hotelzimmer in der
für mich fremden Stadt.
Am darauffolgenden Tag musste ich um 10 Uhr
auschecken, hatte allerdings noch den ganzen Tag vor mir, bis mein Zug abends
nach Mumbai aufbrechen sollte.Ich fuhr zu einer Mall, beobachtete Indiens Oberschicht
und fragte nach einiger Zeit des Langweilens eine Gruppe Jugendlicher nach
einem Park oder einem Ort zum Zeitverbringen, bis mein Zug fuhr.
Kurzerhand
stiegen sie mit mir in eine Riksha und fuhren mit mir an einen großen
See, wo wir was tranken , Spazieren gingen und uns sehr sehr lange
unterhielten.
Diese drei Jugendlichen waren ganz anders als
die, die mir in Trichy über den Weg laufen. Selbstbewusst und engagiert und
irgendwie sehr viel Selbstständiger als bei uns.
Anschließend fuhren wir zu Shraddha nach Hause,
wo ich den für Hyderabad typischen biriyaniiiii probieren sollte und Zeit hatte
zu duschen. Danach haben wir gemneinsam Chapati für meine Weiterreise zubereitet und ich wurde mit
Proviant bis zu meinem Zug begleitet.
Shraddha rief am Abend noch einen Freund aus
Mumbai an, der mich am kommenden Tag am Bahnhof abholen und mir bei der Suche
nach einem günstigen Hotel helfen sollte.
Ich wurde also von einem netten Inder am
Bahnhof abgeholt und fuhr mit ihm auf seinem Motorrad Stunden durch diese riesige, moderne Stadt
auf der Suche nach einem günstigen Hotelzimmer. Im Endeffekt zahlte ich dann
1600 Rupies (25 Euro ) und damit so
viel, wie im Süden für 5 Nächte, die ich mir aber mit Luise teile. Mumbai ist
die teuerste Stadt in ganz Indien.
Ich bin zum Gateway of India gefahren und habe
dort zwei Norwegerinnen angesprochen,mit denen ich dann den Tag verbracht habe.
Wir sind zum Marine Drive, dem berühmten Strand in Mumbai und sind durch die
Straßen geschlendert. Zwischendurch habe ich die unterschiedlichsten Menschen
auf den Straßen angesprochen, um mir erklären zu lassen, wie ich nachts mit dem
Zug zum Flughafen kommen würde um meine beiden Freunde abzuholen. Eine Frau um
die 60 mit sehr schlechtem englisch bestand darauf, mich am nächsten Tag
anzurufen um sicher zu sein, dass es mir gut ginge. Dass hat sie dann auch am
kommenden Tag gemacht. Ich bin mit meinen Freunden dann noch auf den
beeindruckenden Stoffmarkt gegangen, bevor wir am Abend den Nachtbus nach
Palolem in Südgoa nehmen sollten. Nach einer ziemlich unbequemen Busfahrt im
Schlafwagen, in dem man sich das Bett mit einer anderen Person teilen muss,
sind wir dann in Palolem an einem Traumstrand angekommen.
Der Süden in Goa ist
weit weniger touristisch als der Norden. Außerdem waren wir am Ende der Saison
da, sodass wir in einer günstigen, aus Palmenblättern gewebten Hütte
untergekommen sind. Am Strand gibt es einige Restaurants, in denen wir tagsüber
frische Mangolassis und nachts frischen Fisch genießen konnten. Ich glaube es
war der schönste Strand an dem ich je war. Wir haben zusammen ein paar
Spaziergänge über die Felsen gemacht, haben uns Mofas ausgeliehen und sind zwei
Stunden nach Margao gefahren, über den Markt geschlendert und zurück, waren
Baden , haben Musik gehört und sehr viel erzählt und gelacht.
Nachdem meine
Freunde wieder abgereist sind, habe ich mir noch eine Strandhütte mit Nina
einer Künstlerin aus London geteilt, mit
der ich sehr lange nette Gespräche geführt habe und am letzten Tag noch mit dem
New Yorker Noah ein Kanu gemietet habe, und auf dem Meer rumgepaddelt bin.
Dann habe ich mich wieder auf den Weg nach
Trichy gemacht. Um dort hinzukommen, musste ich mit dem Nachtbus nach
Bangalore. Dieses Mal habe ich mir mein Abteil mit einer jungen Inderin aus Bangalore
geteilt, die zu meinem Glück sehr schlank war und nicht viel Platz auf unserem
Bett in Anspruch genommen hat. Nachts gab es mitten auf der Autobahn einen
Motorschaden und ich sah Qualm an unserem
Fenster vorbei aufsteigen. Letztendlich blieb der Bus drei Mal für
längere Zeit stehen. Ursprünglich sollten wir um 06:30 Bangalore
erreichen. Wir kamen allerdings erst um
13:30 an und damit verpasste ich meinen Anschlussbus nach Trichy und musste bis
23:30 warten. Ich habe mich dann auf den Weg in die Innenstadt gemacht und bei
Mc Donalds die Pommesfrau gefragt, ob es eine freie Steckdose gäbe, an der ich
mein Laptop aufladen könne. Wie sich heraus stellte war sie taub. Ich redete
kurz mit ihr mit den paar Brocken signlanguage, an die ich mich noch aus meiner Zeit im Dorf mit den tauben Jungen
erinnerte.Damit machte ich die Amerikanerin Carla auf mich aufmerksam, die mit
ihrem Mann in Bangalore wohnt und in einer Slumschule unterrichtet.Sie lud mich
zu ihr nach Hause ein, was mir sehr gelegen kam, da ich mal wieder in den
Genuss einer Dusche nach dieser langen Reise kam. Wir fuhren in einem
klimatisierten Auto in ihre Villa. Ich
war mal wieder geschockt. Der absolute Wohlstand. Ein komplett amerikanisch
eingerichtetes Haus mit riesen Küche und einem luxuriösen Badezimmer und einem
monströsen Fernseher. Wir
unterhielten uns einige Zeit über die Arbeit in ihrer Schule und ich war etwas
verwundert, dass eine Frau die in einer Slumschule arbeitet, in so einem
luxusriösen Haus wohnt. Diese Frau muss jeden Tag aufs neue einen Kulturshock
haben, wenn sie von der Schule nach Hause zurück kommt und andersherum. Nachdem
ich mit deutscher Lindtschokolade , die sie im Dutyfreeshop in Frankfurt
gekauft hatte, Coca Cola , Gummibärchen
versorgt wurde, bezahlte sie mir noch das Taxi, dass mich 1 ½ Stunden
zum Busstop ans andere Ende der Stadt fuhr. Am nächsten Morgen erreichte ich
dann am frühen morgen Trichy und war damit 33 Stunden unterwegs. Es war ein
tolle Reise. In der Zeit in der ich alleine Unterwegs war habe ich mich
manchmal aber doch einsam und alleine gefühlt
. Vorallem war es komisch, als ich in westlicheren Gegenden waren. Als
ich in Hyderabad in der Mall war oder in
indischen Klamotten im westlicheren Viertel Mubais an Frauen vorbei lief, die
Shorts oder Sommerkleider trugen. Man sollte denken, dass ich mich gerade dann
irgendwie heimisch fühle, da es mich an
das westlichere Leben in Braunschweig erinnert. Das Gegenteil ist der Fall.
Alles ist irgendwie so anonym und außerdem komme ich mir in meiner indischen Kleidung in diesen
Momenten ziemlich lächerlich vor und bin plötzlich wieder an einem Ort, wo es
eine Rolle spielt wie man aussieht und nicht mehr einfach verschwitzt mit
lockerem Pferdeschwanz und Schlabberklamotten, ungeschminkt durch die Gegend
laufen kann, ohne komisch angesehen zu werden. Da ist man dann an dem Punkt, wo
Inder sich anziehen wie Europäer und ich als Europäerin aussehe wie eine
traditionelle Inderin.
Viele Inder finden es aber interessant,
Europäer in indischen Klamotten zu sehen und sind sehr hilfsbereit und
freundlich. Einmal sagte ich zu einer Frau in Mumbai, die mir am Bahnhof beim Ticketkaufen geholfen hat,
dass ich mich etwas alleine und verloren fühlte in dieser großen Stadt. Darauf
antwortete sie, dass man in Indien niemals alleine ist. Und damit hat sie
definitiv Recht. Es sind immer Menschen um mich herum. Außerdem scheint es so,
als würden die Inder meine Familie ersetzen wollen, wenn ich alleine bin und
sehen es als ihre Pflicht an mir zu helfen oder mich sicher vom einen Ort zum
anderen zu bringen. In zwei Wochen schließt unsere Schule für die Sommerpause
und ich werde nach Calcutta fliegen, um mir den Norden anzusehen. Es wird sich
herausstellen, wie es für mich dort ist alleine unterwegs zu sein und ich werde
sicherlich nach einiger Zeit auf Caro und Luise treffen, die zuerst nach Dehli
fliegen. Jetzt ist es schön wieder in
Trichy zu sein. Die Schule ist zu Ende und es gibt für die nächsten zwei Wochen
ein Sommercamp. Die meißten Schüler die daran teilnehmen, sind im Unterrichtsstoff
etwas hinterher oder müssen beaufsichtigt werden, weil die Eltern arbeiten
müssen. Luise und ich bekommen jeden Morgen ein paar Arbeitszettel in die Hand
gedrückt, die wir dann mit den Kindern durchgehen. Hauptsächlich sind es Mathe
und Englischübungen. Wir machen aber auch viele Konversationsübungen, um die
Kinder zum flüssigen Englischsprechen zu ermuntern oder lassen sie Bilder
malen.
Die Konzentrationsspanne ist allerdings sehr
begrenzt. Es wird immer heißer in Trichy und wir haben täglich acht Stunden ohne Strom und
damit auch ohne Ventilator. Selbst wenn wir den Ventilator anhaben schwitzen
wir und die Temperaturen werden sogar noch ansteigen.
Nach wie vor ist es ein Problem, dass wir keine
sozialen Kontakte in Trichy haben und die Stadt kulturell nicht so viel zu
bieten hat. Wir verbringen also sehr viel Zeit in unserem Zimmer, unterhalten
uns oder kochen Pudding, machen uns einen frischen Mangolassi, waschen, lesen,
hören Musik etc. Da wir aber uns schon seit 8 Monaten unsere Freizeit auf diese
Art und Weise vertreiben, vermissen wir in diesen Tagen nach unserem Besuch
Deutschland ein wenig und fangen an uns wieder auf unserere Rückkehr zu freuen.
Trotzdem haben wir es irgendwie immer nett
zusammen und suchen uns täglich Dinge auf oder über die wir uns freuen können.
Da steht noch der letzte Trip in den Norden an und danach das neue Schuljahr
mit neuen Schülern.
Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis ich
wieder zurück bin. Wenn es Dinge gibt über die ihr gern bescheid wissen würdet
oder euch Fragen offen bleiben in meinen Berichten, schreibt mir doch und ich
werde versuchen sie in den kommenden Blogeinträgen zu berücksichtigen. Bis
dahin genießt den Frühling, der vorallem in Braunschweig eingentlich echt immer
schön ist, wenn alles wieder blüht und Leben in die Straßen kommt.
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